Ziedoņa „Pelēkā pasaka" vāciski
Imants ZiedonisDas graue Märchen
Ich bin das Grau. Ich bin grau wie ein Mäusekind. Ich bin grau wie ein Vogel, wie der Staub, wie die Asche. Ich bin das Grau. Nur deshalb, weil es mich gibt, können andere Farben so schön hervortreten.
Wo ich bin? Wo ihr mich finden könnt? Überall. Fangen wir mit dem Frühling an. An einem Frühlingstag ist alles grau, der Schnee ist geschmolzen, die Erde ist grau, und die Knospen sind grau. Aber dann reißt die graue Knospe auf (das ist meine graue Knospe), und heraus kommt – ein Weidenkätzchen! Wäre das Weidenkätzchen so schön und weiß, wenn ich, das Grau, nicht so grau wäre?
An einem grauen Frühlingstag kriecht aus der grauen Erde eine grüne Tulpenknospe, kriechen rote Rhabarbertriebe heraus wie krumme Teufelshörner.
Oder fangen wir mit dem Morgen an. In der grauen Morgendämmerung schweben weiße Nebeltücher über der Wiese. Wäre der Nebel so weiß, wenn der Morgen nicht so grau wäre? Hinter einer grauen Wolke geht die rote Morgensonne auf, und alle sehen, wie schön sie ist. Auf einer grauen Wolke sitzt der silberne Mond, und alle sehen – ach, der ist aber schön! Aber schön ist er nur deshalb, weil die Wolke so grau ist. Ich bin vor allen Farben da. Ich bin vor allen Farben da, auf die die Menschen warten. An einem grauen Morgen warten sie auf die Sonne, in einer grauen Nacht – auf den Mond. Im grauen Frühjahr warten sie auf die Blumen, im grauen Herbst – auf den weißen Schnee. Ich bin das Grau, und meinetwegen suchen die Menschen andere Farben.
Ich bin fast die allerwichtigste Farbe. Alles wird erst schön, wenn man mich danebensetzt. Die weiße Angorakatze ist so schön, weil ich daneben so grau bin. Wenn es keine grauen Spatzen gäbe, hätte man nichts, womit man die Kanarienvögel vergleichen könnte. Die bunten Vögel sind nur deshalb so schön, weil es graue Vögel gibt. Weiße Mäuse sind deshalb so besonders, weil es graue gibt, weißer Sand – weil es grauen gibt.
Ich bin das Grau. Ich helfe allen Farben. Wenn sie es selbst nicht schaffen, schiebe ich sie aus mir heraus in den Vordergrund, damit alle sie sehen können. Aus meiner grauen Wolke schiebe ich einen bunten Regenbogen heraus. Ich bin nicht neidisch, es tut mir nicht leid, dass ich selbst im Hintergrund bleibe. Ich blase Farben aus mir, wie graues Seifenwasser eine schillernde Luftblase aus einem Strohhalm bläst. Habt ihr schon einmal Seifenblasen gemacht? Dann wisst ihr ja, dass ich es bin, der euch dabei hilft – ich, das Grau.
Wie ich aussehe? Ich sagte ja: Schaut auf den Staub, schaut auf die grauen Mäuschen, schaut auf die Asche. Und dann werft einen farbigen Knopf in die Asche. Könnt ihr es sehen? Da ist ein schöner, farbiger Knopf, stimmt's? Und dahinter? Was ist hinter dem Knopf? Das bin ich – das Grau.
Aus dem Lettischen von Lilija Tenhagen